Evangelische Kirche in Offenbach

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Inklusion im Gemeindelltag

"Bewusstsein für Nöte anderer entwickeln"

Dekanat Offenbach

Pfarrerin Christiane Esser-Kapp von der Fachstelle Inklusion über Teilhabe und leichte Sprache im Gemeindeleben. Noch immer gibt es viele Hürden im Alltag, die ein gesellschaftliches Miteinander und Teilhabe aller erschweren. Esser-Kapp berät Gemeinden, die "mehr Inklusion wagen wollen".

Frau Esser-Kapp, Sie laden regelmäßig zu Gottesdiensten in leichter Sprache ein – die klingen zunächst ungewöhnlich. Statt von den „Jüngern“ sprechen Sie dann etwa von den „Freunden“…

Für leichte Sprache gibt es ein Motto: „Leicht ist klar“. Das heißt, Dinge müssen in kurzer Erfassung deutlich werden.

Allerdings ist die leichte Sprache nicht unumstritten: Kritisiert wird etwa, dass Sachverhalte verkürzt werden…

Oder dass die Sprache kastriert werde – ja, ich kenne diese Kritik. Da geht es natürlich auch um Formulierungen, die manche über die Jahre lieb gewonnen haben, eine Veränderung ist dann natürlich erst einmal ungewöhnlich oder schmerzlich. Leichte Sprache kommt erst einmal anders daher, daran muss man sich erst gewöhnen. Aber es ist wie bei allem, was Inklusion anbelangt, zunächst einmal eine Frage der Haltung: die Schranke im Kopf muss zunächst weg.

Aber ist die Schranke im Kopf noch so mächtig? Es wird doch seit Jahren über Inklusion und Teilhabe auf allen gesellschaftlichen Feldern aufgeklärt.

Und trotzdem gibt es noch genug Kirchen, Rathäuser oder Geschäfte, die keine barrierefreien Zugänge haben. Oder es gibt Schreiben, die kaum verständlich formuliert sind.

Stimmt, die Mitwirkenden des Aktionsplanes Inklusion der Stadt monierten etwa, dass bei Aufzügen in öffentlichen Gebäuden selten an Sehgeschädigte gedacht wird: es fehle an Braillebeschriftung oder an Durchsagen.

Richtig, es gibt noch sehr viele Baustellen, was die Barrierefreiheit anbelangt. Ich erlebe immer wieder, dass sich Gemeinden diese Problemfelder erst bewusst machen, wenn sie direkt damit konfrontiert werden. Etwa durch einen Konfirmanden mit Beeinträchtigung, durch Gemeindeglieder, die auf Gehhilfen angewiesen sind oder ähnliches. Erst dann, in der konkreten Situation, fallen einem die Dinge auf, die Teilhabe erschweren oder unmöglich machen. Die Menschen brauchen die Berührung, die persönliche Betroffenheit, um ein Bewusstsein für die Nöte anderer zu entwickeln.

Und dann beraten Sie Gemeinden auf dem Weg zur Inklusion.

Die Frage ist doch, was ist eine einladende Gemeinde? Wie gestaltet sich das Miteinander. Als Christen sind wir alle in unserer Unterschiedlichkeit willkommen, doch was heißt das in der Praxis? Das geht bei räumlichen Widerständen los, aber erst einmal muss die Barriere im Kopf fallen. Die Gemeinde muss ein Bewusstsein entwickeln, wo konkrete Barrieren oder Hindernisse sind. Das können fehlende Treppengeländer oder Rampen sein, fehlende Induktionsschleifen aber auch sprachliche Hürden. Da geht es nicht um Menschen mit geistiger Beeinträchtigung: Es gibt in Deutschland eine erschreckend hohe Zahl an funktionalen Analphabeten…

Rund 7,5 Millionen Menschen laut einer 2014 veröffentlichten Studie…

Ja, das ist eine riesige Anzahl. Viele können nur Worte, aber keine Sätze richtig verstehen. Und diese Menschen gibt es in jeder Gemeinde: Da stellt sich die Frage, ob man sie nicht durch die Art und Weise, wie Gottesdienst gefeiert wird oder der Gemeindebrief formuliert ist, unbewusst von der Gemeinschaft ausschließt. Mit Lernschwäche oder Bildungsferne hat das nichts zu tun.

Die Stadtkirchengemeinde hat da ja schon vor Jahren reagiert und ihren Gemeindebrief umgestaltet: Es gibt kurze, klare Sätze, kaum Fremdworte.

Ja, dort wird alles so dargestellt und erklärt, dass es jeder versteht und dann auch mitgestalten kann. Und dass jeder entscheiden kann, ob er mitmachen will. Das ist ein wichtiger Punkt, denn oft wird den Menschen diese Entscheidung durch bestimmte Hürden, etwa die Sprache, vorweggenommen. Aber das war Natürlich ein gewisser Weg, den die Gemeinde dafür nehmen musste: Es fing mit baulichen Hindernissen an, die beseitigt wurden und erst dann hat es sich weiterentwickelt.

Wenn sich nun eine Gemeinde auf den Weg macht, mehr Teilhabe anbieten zu wollen…

…dann ruft sie mich am besten an: unter 88 96 55 06 96 helfe ich gern. Ich suche dann auch die passenden Fördertöpfe, etwa wenn es um eine Rampe fürs Gemeindehaus oder um Induktionsschleifen geht.

Und Sie helfen auch beim Thema leichter Sprache?

Natürlich. Da gibt es ganz klare Regeln. Allerdings ist leichte Sprache nicht einfach, man muss die Sprache stark elementarisieren und sie durchstrukturieren.

Hätten Sie ein paar Beispiele?

Natürlich. Etwa reden wir dann nicht mehr vom „öffentlichen Nahverkehr“, sondern von „Bus und Bahn“, das ist anschaulich und verständlich. Oder wenn bei einem Treffen jemand fehlt, sagen wir nicht „Frieda ist nicht da“, sondern „Frieda fehlt“. Klare, einfache Sätze eben. Unter www.leichte-sprache.org hat das Netzwerk Leichte Sprache Regeln formuliert und gibt Tipps zur Nutzung.

Wer einen Gottesdienst in leichter Sprache erleben möchte, hat dazu ja regelmäßig Gelegenheit in Offenbach.

Genau, jeden dritten Sonntag im Monat feiern wir in der französisch-reformierten Gemeinde einen Gottesdienst in leichter Sprache. Die Nachfrage ist dabei sehr gut. Und theologisch ist es die Frage, wie viel Teilhabe wir wollen und welches Gottesbild wir haben. Was heißt es, sich auch mit Beeinträchtigung wertgeschätzt zu fühlen. Wir Protestanten haben da ja einen Lieblingssatz: „Gott nimmt dich an, wie du bist“. Das heißt aber auch, dass Gott die Idee der Beeinträchtigung in sich hat.

 

Interview: Frank Sommer

 

Christiane Esser-Kapp ist seit 2012 im Dekanat Offenbach für Inklusionsbelange tätig. Einmal im Monat feiert sie Gottesdienste in leichter Sprache in der französischreformierten Gemeinde, Herrnstraße 3. Am 23. Dezember feiert sie in der Gustav-Adolf-Gemeinde um 10.30 Uhr einen Gottesdienst in leichter Sprache in Bürgel, Beginn ist um 10.30 Uhr.

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